8. November 2021, Sachverständigenrat für Integration und Migration

„Gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, Vorbehalten begegnen: Einstellungen und Akzeptanz gegenüber migrationsbedingter Vielfalt“

Der SVR lud am 4. November Expertinnen und Experten aus Sachsen zu einem regionalen Fachgespräch nach Dresden ein.

Prof. Dr. Hans Vorländer, Mitglied des SVR, stellte hierbei das aktuelle Jahresgutachten „Normalfall Diversität. Wie das Einwanderungsland Deutschland mit Vielfalt umgeht„ vor.

Gesellschaften werden immer heterogener und vielfältiger, wie die sozialwissenschaftliche Forschung der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigt. Migration und die daraus resultierende Vielfalt ist dabei eine wichtige Dimension: Jede vierte Einwohnerin, jeder vierte Einwohner Deutschlands hat eine Zuwanderungsgeschichte Damit stellen sich bestimmte Fragen: Welche Auswirkungen hat diese spezielle Facette von Heterogenität in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen? Wie handhaben gesellschaftliche Institutionen diese Heterogenität? Und vor allem: Wie kann vermieden werden, dass Diversität und Vielfalt in einer pluralen Gesellschaft – die mehrheitlich auch begrüßt wird – sich in (sozioökonomische) Ungleichheit übersetzt?

Das Jahresgutachten 2021 des Sachverständigenrats befasst sich mit dem Umgang und mit Diversität in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen: Politik, Arbeitsmarkt, Kultur. Und es schaut auf die Einstellungen der Bevölkerung zu migrationsbedingter Vielfalt, denn Migration erfordert auch Veränderung von den Teilen der Bevölkerung, die schon immer oder schon lange im Land ansässig sind. In der deutschen Bevölkerung ist die Akzeptanz von Diversität gestiegen; das zeigen entsprechende Langzeitdaten. Zuwanderung wird danach zunehmend als Bereicherung empfunden, und Zugewanderten wird grundsätzlich das Recht auf Teilhabe zugesprochen. Zahlreiche Studien haben jedoch für verschiedene Bereiche nachgewiesen, dass dort Menschen wegen ihrer Herkunft diskriminiert werden. Besonders gut dokumentiert ist dies für den Wohnungsmarkt und den Ausbildungsmarkt. Von erlebter Diskriminierung berichten besonders häufig Personen, die nach eigenen Angaben nicht typisch deutsch aussehen, d. h. die aufgrund ihres Äußeren als ‚fremd‘ eingeordnet werden. Hier gibt es jedoch weiterhin hohen Forschungsbedarf. Und auch wenn die Daten zeigen, dass ein klassischer Rassismus – also die Vorstellung, dass bestimmte Menschen von Natur aus minderwertig seien – kaum mehr Zustimmung findet, bedeutet das nicht, dass es rassistische Vorurteile und darauf basierende Diskriminierung nicht mehr gäbe. Subtilere rassistische Aussagen zu vermeintlich natürlicher Ungleichwertigkeit finden nach wie vor Zustimmung.

Prof. Vorländer hob hervor, dass Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen haben. Immer mehr Menschen haben am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder im Freundes- und Familienkreis regelmäßig mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu tun. Laut Prof. Dr. Vorländer zeichnet sich dieser positive Trend auch in Ostdeutschland ab. Rund jede bzw. jeder Zehnte in Sachsen hat hier mittlerweile einen sog. Migrationshintergrund.

Zuwanderung wird zunehmend als Bereicherung empfunden und Vielfalt als Normalität gesehen, zugleich besteht weiterhin Forschungs- und vor allem Handlungsbedarf in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus.

Die anschließende vertrauliche Diskussion mit Teilnehmenden aus Landtag, Ministerien, Wirtschaft, Verbänden und Zivilgesellschaft wurde von der SVR-Geschäftsführerin Dr. Cornelia Schu moderiert

Wesentlicher Diskussionspunkt war das Thema politische Partizipation und die Bedeutung der Einbürgerung. Es bestand Konsens darin, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, und im Hinblick auf den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel Zuwanderung für sächsische Unternehmen, aber auch bspw. den Gesundheitssektor und andere öffentlichen Institutionen essentiell sei. Einbürgerung sollte mit gezielten Initiativen gefördert und erhöht werden. Sachsen steht hier im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (2,5 %) mit einer Ausschöpfungsquote von 4 Prozent gut da, wobei generell die Einbürgerungsquoten in Deutschland im internationalen Vergleich auf einem niedrigen Niveau liegen. Hierzu wurde auf die SVR-Expertise „Erfolgsfaktoren einer gelingenden Einbürgerungspraxis“ verwiesen.

Einvernehmen bestand auch darüber, dass in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft öffentliche Institutionen diverser werden sollten. Hier müssten Zugänge erleichtert und entsprechende Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen ausgebaut bzw. gefördert werden.

Das Fachgespräch zum SVR-Jahresgutachten fand am 4. November 2021 in Dresden statt.

Hier ist der Veranstaltungsrückblick des SVR verfügbar.  

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