Forschungsgruppen

Die Arbeit bei MIDEM ist in vier interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppen organisiert:

1 - Krisendiskurse zu Migration und Integration

Migration fordert demokratische Gesellschaften dazu auf, sich selbst zu definieren. MIDEM fragt deshalb danach, welches Verständnis von Identität und Fremdheit in unterschiedlichen Identitäts- und Zugehörigkeitsdiskursen europäischer Gesellschaften konstruiert wird. In der deutschen und europäischen Öffentlichkeit nimmt die Debatte über Migration einen breiten Raum ein – sie hat zur Konjunktur von Krisendiskursen über Migration geführt. Das Projekt untersucht diese Krisendiskurse in komparativer Perspektive als Ausdruck von sozialen und kulturellen Zuschreibungsprozessen, in denen zentrale Bilder, Wertvorstellungen und Selbstverständnisse europäischer Gesellschaften manifest in Frage gestellt oder in neuer Form bestätigt werden. Dabei geht es nicht nur um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderern. Der öffentliche Diskurs über Migration dreht sich auch um Fragen der Identität und Zugehörigkeit, der Loyalität und des Zusammenhalts – und legt offen, wo die Grenzen zwischen ‚wir’ und ‚den anderen’ liegen bzw. wohin sie verschoben werden.

2 - Populismus

Migration wird als zentraler Faktor für das europaweite Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen diskutiert. Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Migration und Populismus wirft daher Fragen auf, die für die Zukunft des europäischen Zusammenhalts wichtig sind und vergleichend bearbeitet werden müssen. Dies macht sich MIDEM zur Aufgabe und fragt nach den wechselseitigen Zusammenhängen zwischen Migration und (Rechts-)Populismus: Führt ein rasanter Anstieg der Flüchtlings- bzw. Zuwandererzahlen zwangsläufig zu einem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien? Gibt es eine Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegenzusteuern? Welche Auswirkungen hat der Rechtspopulismus auf die Migrations- bzw. Integrationspolitik und den Zusammenhalt in Europa? Wie und bis zu welchem Grad wirken sich gesellschaftliche Werte, Ansichten und Einstellungen auf die Einwanderungs- und Integrationspolitik aus? Die Antworten auf diese Fragen geben zugleich auch Aufschluss darüber, wie Parteien und Institutionen am besten auf die rechtspopulistische Herausforderung antworten sollten.

3 - Institutionelle und politische Verarbeitung von Migration

Migration wird in europäischen Demokratien auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet – das zeigt nicht allein das Beispiel Populismus. Demokratische Reaktionen finden auch auf institutionell-repräsentativer Ebene statt und involvieren unterschiedliche politische Akteure. Über bestimmende Faktoren und Entstehungsbedingungen europäischer Einwanderungs- und Integrationspolitiken ist jedoch noch wenig bekannt. MIDEM setzt an eben diesem Desiderat an und nimmt eine vergleichende Analyse der einwanderungs- und integrationspolitischen Konfliktmuster sowie ihrer demokratischen Verarbeitung vor. Es wird also untersucht, wie und unter welchen Bedingungen Themen auf die politische Agenda gelangen, wie institutionelle Rahmenbedingungen und politische Kräfte auf den Ausgang politischer Entscheidungen wirken und in welcher Weise sie umgesetzt werden. Auf diesem Wege lassen sich zugleich auch Beispiele guter Praxis herausarbeiten.

4 - Migration im Prozess von städtischen und regionalen Kontexten

Migration hat Integration zur Folge und Integration geschieht vor Ort: In den Schulen, am Arbeitsplatz, zwischen Nachbarn und Freunden oder in Vereinen. Kommunale und regionale Akteure der Integration werden somit vor durchaus große Herausforderungen gestellt – doch zugleich sind die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Migration in kleinräumigen bzw. regionalen Kontexten ein wichtiger Ausgangspunkt, um Integrations- und Diskriminierungsprobleme wirksam anzugehen. MIDEM untersucht, wie Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft im öffentlichen Raum interagieren, welche Formen diese Interaktion einnimmt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Im Fokus stehen Interaktionsformen von Verwaltung und Zivilgesellschaft sowie unmittelbare Formen der Bürgerbeteiligung. Dazu gehören politische Foren oder kulturelle Veranstaltungen, die sinnstiftende soziale Interaktionen ermutigen und damit eine prägende Rolle bei der Sozialisierung von Zuwanderern im Hinblick auf ungeschriebene Regeln und Werte der Aufnahmegesellschaft spielen. MIDEM möchte auf diesem Wege Lernprozesse sichtbar machen, die sich im Verlauf der Interaktion zwischen administrativer, politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene entwickelt haben.