Rückblick auf die MIDEM-Tagung am 22. April 2026 in Berlin
Wie polarisiert ist Deutschland — und was lässt sich dagegen tun? Diese Fragen standen im Zentrum der MIDEM-Tagung, die am 22. April im Publix in Berlin stattfand. Einen Tag lang diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Kultur und Zivilgesellschaft über Ursachen, Wahrnehmung und Gegenstrategien gesellschaftlicher Polarisierung.
„Wir erleben einen grundlegenden Strukturwandel politischer Öffentlichkeit“, so MIDEM-Direktor Hans Vorländer in seiner Begrüßung. „Diskurse sind emotional aufgeladen, Interventionen in Medien und Netzwerken führen zu Empörungsspiralen. Das macht das Thema der Polarisierung dringender denn je.“
Impulsvorträge: Polarisierung verstehen
Maik Herold und Oliviero Angeli legten in zwei Impulsvorträgen den Forschungsstand dar. Zentrale Befunde: Mehr als 80 Prozent der Befragten nehmen die deutsche Gesellschaft laut MIDEM-Polarisierungsbarometer als polarisiert wahr — obwohl Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld liegt. Besonders die affektive Polarisierung — also die emotionale Feindseligkeit zwischen politischen Lagern — nimmt zu und schwächt Vertrauen, Kompromissbereitschaft und demokratische Einstellungen. Gegenstrategien setzen auf verschiedenen Ebenen an: psychologische Interventionen, Dialogformate, Medienmaßnahmen und institutionelle Reformen.
Roundtable I: Bürgerdialoge gegen Polarisierung
Im ersten Roundtable mit Luca Piwodda, Sebastian Reißig, Heike Radvan und Sarah Wohlfeld, moderiert von Paulina Fröhlich, stand die Praxis im Vordergrund. Bürgerdialoge erleben seit einigen Jahren eine Renaissance — doch sie sind kein Allheilmittel. Entscheidend sind Konzeption, klare Zielsetzung und professionelle Moderation. Eine zentrale Herausforderung bleibt: Dialogformate erreichen vor allem die ohnehin Gesprächsbereiten. Das „unsichtbare Drittel“ — die Enttäuschten, die Pragmatischen — kommt selten. Diskutiert wurde auch, ob der Bürgerdialog für beide Polarisierungsformen — ideologische wie affektive — das richtige Format ist, und wie Nachhaltigkeit über einzelne Veranstaltungen hinaus gesichert werden kann.
Roundtable II: Medien und Eliten
Im zweiten Roundtable diskutierten Michael Brüggemann, Hanna Israel, Uwe Krüger und Philipp Lorenz-Spreen unter der Moderation von Maria Exner die Rolle von Medien und Eliten. Journalismus kann Polarisierung sowohl verstärken als auch abschwächen. Lokaljournalismus hat dabei eine unterschätzte Bedeutung: Wo er wegbricht, haben Polarisierungsunternehmer leichteres Spiel. Zugleich zeigte sich, dass soziale Medien keine neutralen Plattformen sind — ihre Aufmerksamkeitsökonomie begünstigt die Zuspitzung von Gegensätzen. Formate, die Persönliches und Empathisches integrieren, können hingegen depolarisierend wirken.
Podiumsdiskussion: Was folgt daraus?
Zum Abschluss diskutierten Hans Vorländer, Laura-Kristine Krause, Ursula Münch und Marion Ackermann unter der Moderation von Ferdos Forudastan Strategien zur Bewältigung von Polarisierung. Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich die Polarisierungsdynamiken je nach Feld ausfallen: In der politischen Bildung stehen Schulen und Lehrkräfte unter wachsendem Druck; im Kulturbetrieb haben etwa die Boykottdebatten um den Nahostkonflikt die ohnehin kontroverse Aushandlung von Kunst und Politik verschärft; zwischen Staat und Gesellschaft ist ein Vertrauensverlust spürbar, der bislang nicht ausreichend adressiert wird.
Einig waren sich die Podiumsgäste darin, dass Depolarisierung kein isoliertes Projekt sein kann. Staatsmodernisierung und direkterer Kontakt zwischen Politik und Gesellschaft haben Potenzial — ebenso wie kulturelle Räume, in denen gesellschaftlicher Streit produktiv ausgetragen wird. Museen etwa genießen hohes gesellschaftliches Vertrauen und können als Orte der Identifikation wirken. Zugleich müsse die Art und Weise des öffentlichen Sprechens sich verändern: Wissenschaft und Medien wirkten auf große Teile der Gesellschaft exkludierend — ein Befund, der auch für die eigene Arbeit unbequem bleibt.
Die Tagung wurde gefördert von der Stiftung Mercator. Publix stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung und war durch Intendantin Maria Exner auch als Moderatorin aktiv beteiligt.
→ Das MIDEM Policy Paper „Affektive Polarisierung verringern — aber wie?“ ist hier abrufbar: https://forum-midem.de/affektive-polarisierung-verringern-aber-wie/
Fotos: Ines Grabner
Polarisierung | Depolarisierung
Herausforderungen für Politik, Medien und Gesellschaft
Ort: Berlin, Publix, Hermannstr. 90, D-12051 Berlin
Datum und Zeit: 22. April 2026, 12:30 – ca. 21:00 Uhr
12:30 – 13:15 Uhr | Ankommen und Registrierung
13:15 – 13:30 Uhr | Begrüßung & Grußwort
Hans Vorländer (TU Dresden / MIDEM)
13:30 – 14:30 Uhr | Impulse & Diskussion: (De-)Polarisierung verstehen
Vorstellung der Ergebnisse der aktuellen Polarisierungsstudie sowie einer Studie über Depolarisierungsstrategien
Impuls 1: Maik Herold (MIDEM) – Zentrale Befunde der Polarisierungsstudie
Impuls 2: Oliviero Angeli (MIDEM) – „Was wirkt gegen affektive Polarisierung?“ – Überblick über evaluierte Gegenstrategien
14:30 – 14:45 Uhr | Pause
14:45 – 16:15 Uhr | Roundtable I: Bürgerdialoge gegen Polarisierung
Vergleich und Bewertung dialogischer Ansätze aus Kommunalpolitik, Zivilgesellschaft und Forschung
Luca Piwodda (Netzwerk Junge Bürgermeister:innen)
Sebastian Reißig (Aktion Zivilcourage e. V.)
Heike Radvan (Universität Tübingen)
Sarah Wohlfeld (Lead Programme, More in Common)
Moderation: Paulina Fröhlich (Bertelsmann Stiftung)
16:15 – 16:30 Uhr | Pause
16:30 – 18:00 Uhr | Roundtable II: Medien & Eliten – Polarisierung verstärken oder überwinden?
Analyse der Rolle journalistischer, wissenschaftlicher und politischer Eliten in Polarisierungsprozessen
Michael Brüggemann (Universität Hamburg)
Hanna Israel (Journalistin)
Uwe Krüger (Universität Leipzig)
Philipp Lorenz – Spreen (Technische Universität Dresden)
Moderation: Maria Exner (Journalistin und Intendantin von Publix)
18:00 – 18:30 Uhr | Pause
18:30 – 20:00 Uhr | Podiumsdiskussion: Wie polarisiert ist Deutschland – und was folgt daraus?
Zusammenführung von Perspektiven aus Politik, Wissenschaft, Medien und Praxis mit Blick auf mögliche Strategien zur Bewältigung gesellschaftlicher Polarisierung
Hans Vorländer (MIDEM)
Laura-Kristine Krause (Bundesministerium der Finanzen)
Ursula Münch (Direktorin, Akademie für Politische Bildung Tutzing)
Marion Ackermann (Präsidentin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz)